Von A bis Z:
Menschen haben im Wegscheider Land schon in vorgeschichtlicher Zeit gelebt, so wurden z. B. in Niederwegscheid, Eidenberg und Thumreuth Werkzeuge aus der Steinzeit gefunden. Als
die ältesten Siedlungen in unserem Raum sind Wippling, Kailing
und Unrechting (jetzt Stiermühle), Wildenranna und Oberkappel
zu betrachten. Auch sind die Dörfer Eidenberg, Fronau, Gossingerreut, Hartmannsreut, Maierhof, Mitterwasser, Monigottsöd,
Pölzöd, Rannahof, Tumpenberg und Wüstenberg älter als der Ort
Wegscheid selbst. Die Gründung von Aiglsöd, Kasberg, Kramerschlag, Lacken und Meßnerschlag wird für das 14. Jahrhundert
angenommen.
Die Urzelle des Ortes Wegscheid war wahrscheinlich eine Raststätte an einem der Salzhandelswege, die vom Donautal nach
Böhmen führten. Durch kaiserliche Schenkung war ein größerer
Gebietskomplex zwischen den Flüssen Ilz und Rodel im Jahr
1010 an die Frauenabtei Niedernburg in Passau gekommen. Obwohl schon 1161 der Bischof von Passau die Grundherrschaftüber diesen Bereich erLangte, hat doch die Bezeichnung „Land
der Abtei" die Jahrhunderte überdauert. Als im dünn besiedelten und waldreichen Gebiet die österreichischen Landesherren
ihr Einflussgebiet immer weiter nach Westen ausdehnten, haben ihnen die Fürstbischöfe von Passau Einhalt geboten, indem
sie den Platz „an der Wegscheide" aufgewertet und ausgebaut
haben. Diese Weggabelung lag im heutigen Niederwegscheid.
Der rechte Zweig ging über Mistlberg, Peilstein, Aigen zum
Böhmerwaldkamm. Der linke Zweig führte über die heutigen
Orte Wegscheid, Kasberg, Sperlbrunn, Sonnen etc..
Zu Ende des 13. und Anfang des 14. Jahrhunderts wurde der
Marktort planmäßig angelegt und das Umland durch Rodungen
nutzbar gemacht. Der älteste Teil Wegscheids liegt im Bereich
der heutigen Rosengasse. Später bildeten Kirche und Pfarrhof
den Mittelpunkt. Um die Kirche herum wurde der Friedhof angelegt. Die Kirche stand bis 1859 in Ost-West-Richtung. Um den
Friedhof entstand ein geschlossener Ring von Gebäuden. Nachfolgebauten sind heute südlich und östlich noch zu sehen. Als
gleichzeitig entstanden darf man den Bereich Passauer Straße 18 bis Marktstraße 2, die Sattlersbrücke und die Kirchstraße
betrachten. Nach Osten reichte der Ort in dieser Zeit nur bis
Marktstraße 7 und 8. Die Stufen im Bürgersteig könnten das
mittelalterliche Ortsende anzeigen.
Seit spätestens 1330 ist Wegscheid Sitz einer Pfarrei und 1360 bekam es das Marktrecht verliehen. Damit verbunden war die
Einsetzung eines Richters. Aus den „behausten Untertanen"
wurden Marktbürger, die einen Rat wählen und viele örtliche
Angelegenheiten in eigener Zuständigkeit regeln konnten. Im
Zuge der fortschreitenden Rodung wuchs der Zuständigkeitsbereich der Verwaltung über den Markt hinaus. Aus dem Marktge
richt wurde das Land- oder Pfleggericht, dem alle Siedlungen
von Mayerhof im Süden bis Breitenberg im Norden unterstellt
waren.
Seit 1544 gibt es in Wegscheid nachweislich eine Schule. Das
Schulhaus dürfte von jeher im Anwesen Passauer Straße 2
(Sparkasse) zu suchen sein. 1866 wurde im Haus Marktstraße 36
(sog. Caritas-Haus) eine Mädchenschule und einige Jahre später ein Kindergarten eröffnet. Von 1939-1967 gingen die Wegscheider in die neu gebaute Schule in der Adalbert-Stifter-Straße 12 (heutiges Fitness-Studio).
An den äußeren Bedingungen hat sich über lange Zeiträume
wenig geändert. Die neue Zeit brach 1803 mit der Aufhebung
des Hochstifts Passau und dem Übergang der Herrschaft an das
Königreich Bayern im Jahr 1806 an. Dem Markt verblieb die
Funktion eines Verwaltungssitzes bis zur Gebietsreform des Jah
res 1972. Der Landkreis Wegscheid ging im Landkreis Passau
auf. Die Landkreis- und Justizbehörden verließen den Markt.
Bedingt durch die klimatischen Verhältnisse waren die Erträge aus dem Ackerbau nie sehr üppig. Die Bürger und Bauern waren auf Nebenerwerb angewiesen. Der Handel mit Salz und dessen Transport nach Böhmen war über lange Zeit ein bedeutender Wirtschaftszweig. Ein weiterer Schwerpunkt war der Anbau von Flachs, dessen Verarbeitung und Vertrieb.
Der Markt Wegscheid
zählte z. B. im Jahr 1808 116 Bürgerhäuser, von denen 59 ein
reales Weberrecht hatten. Die regelmäßig stattfindenden Garn-
und Leinwandmärkte zogen viele auswärtige Käufer an. Weitere
Wirtschaftszweige waren Holzhandel, Holzverarbeitung, Nutzung der Wasserkräfte für Mühlen, Sägewerke und Hammerschmieden.
Gegen Ende des 30-jährigen Krieges (1618-48) forderte die
Pest viele Opfer. Über Missernten, die zu Lebensmittelmangel
führten, wird aus der Zeit von 1770/71 und 1816/17 berichtet.
Der Ort Wegscheid wurde im Lauf der Jahrhunderte von mehreren Brandkatastrophen heimgesucht. Besonders groß waren die
Schäden in den Jahren 1655, 1822, 1866 und 1945. Am 30. April
1945 gab es in Wegscheid noch heftige Kampfhandlungen der
Wehrmacht, bei denen durch Artilleriebeschuss erhebliche Zerstörung und Brände die Folge waren.
Die in ihrer Bausubstanz ältesten Gebäude dürften sein: das Rathaus, die Häuser Passauer
Straße 3, 18, 20 und das alte Spital Marktstraße 61. 1966 musste die alte Kirche von 1859/62 abgerissen werden, da sie durch
den Brand von 1866 und die Bombardierung von 1945 schwer
geschädigt war. 1969 wurde der Neubau geweiht.
Das wertvollste Werk sakraler Baukunst ist die Friedhofskirche. An der alten Gabelung nach Breitenberg bzw. nach Kollerschlag
entstand Ende des 17. Jahrhunderts eine Andachtsstätte im
Wald. Wegen des entstehenden Wallfahrtskultes wurde 1731 die
jetzige barocke Kirche errichtet. Bau und Inneneinrichtung sind
von hoher künstlerischer Qualität und werden bekannten Hofkünstlern der Fürstbischöfe zugeschrieben. Wegen Platzmangel
wurde 1840 der Friedhof der Pfarrkirche zur Kapelle verlegt,
nachdem der Wald gerodet war. Auch die benachbarte Wasserkapelle gehört der Barockzeit an. Sie wurde über einer Quelle
errichtet, die von Gläubigen gerne benutzt wurde.
1912 wurde die Eisenbahnlinie von Passau nach Wegscheid eröffnet. Die Strecke wurde bis 1965 befahren. Wegen der erheblichen Steigung konnte die Strecke nur Lokomotiven mit Zahnradantrieb befahren werden.
Die z. T. harten Bedingungen haben im Wegscheider Land einen Menschenschlag geformt, der treu an seiner Heimat hängt und ihre herbe Schönheit liebt.



